Donnerstag, 10. Dezember 2015

Welche Nähmaschine?


Jetzt vor Weihnachten häufen sich die Fragen nach sehr günstigen Nähmaschinen, die bei diversen Discountern gerade angeboten werden.
Ich schreibe diesen Artikel für alle, die das Nähen gerade zum Hobby machen, die also etwas mehr  vor haben, als nur einmal im Jahr eine Gardine umzunähen. :)
Ich persönlich bin da immer sehr zurückhaltend eine 100€ Maschine zu empfehlen. Warum eigentlich? Es nähen doch viele mit solchen Maschinen und sind total glücklich!

Vielleicht sollte ich mal aufzählen, was für mich (!) eine gute Nähmaschine ausmacht:
  • sie soll nähen, klar, oder? Dabei nicht zickig sein, was Stoffart- und Dicke angeht. Und nicht wählerisch, was das Nähgarn betrifft.
  • sie soll den Stoff gut transportieren
  • sie soll ein sauberes, schönes Stichbild abliefern und nie Stiche auslassen.
  • sie soll sich nicht so leicht verstellen, sprich robust und haltbar sein, man will ja nicht 1/2 jährlich zum Kundendienst
  • und sie soll gut/einfach in der Handhabung sein. Wenn ich für jedes Einfädeln erst mal die Bedienungsanleitung bemühen muss, nervt das. Auch wenn ich mir beim Wechseln des Unterfadens jedes mal die Nägel abbreche.

Welche Ausstattung ist wichtig?
  • gutes Nählicht
  • Geschwindigkeitsreglung, damit man auch kniffelige Stellen sauber hinbekommt
  • verstellbarer Nähfußdruck, dann kann man auch Jersey nähen, ohne dass sich alles wellt
  • sie sollte verschiedene Stiche für verschiedene Anwendungen und Materialien bieten (500 Zierstiche halte ich für überflüssig, die braucht echt kein Mensch)
  • die Stichlänge und Dichte sollte stufenlos verstellbar sein
  • gut funktionierende ECHTE Knopflochautomatik: man legt den Knopf in eine Schiene und dann näht die Maschine das ganze Knopfloch passend für diesen Knopf

Welche Ausstattung ist nützlich, aber nicht total notwendig?
  • Obertransportfuß (den halten jetzt bestimmt viele für total nötig, aber ich brauche ihn 2x im Jahr...)
  • verschiedene Nähfüßchen
  • großer Durchlass, wenn man eine Decke quilten möchte
  • Kniehebel, hebt den Nähfuß, wenn man beide Hände für etwas anderes braucht
  • automatischer Einfädler oder Einfädelhilfe
  • automatischer Fadenabschneider
  • Freiarm (ich brauche den allerdings nicht)
  • Nadelstopp oben oder unten 
Ich persönlich mag es auch, wenn die Maschine NICHT zu leicht ist und auf dem Tisch hin und her rutscht, aber meine Nähmaschine hat auch einen festen Platz und muss nicht immer auf und ab gebaut werden. :D Und auch die Lautstärke spielt für mich ein Rolle. So ein lauter Trecker wäre nichts für mich.

Warum kosten aber manche Maschinen 100,--€ und andere 5000,--€?
Das liegt an der Ausstattung, am verwendeten Material und an der Verarbeitung.
Wenn Teile aus Kunststoff gegossen werden, ist das sehr viel billiger als wenn man so ein Teil aus Metall macht. Wenn man es aus Metall macht, kommt es sehr auf die Präzision an, präszise, exakt millimeter genau passende Maschinenteile zu produzieren und dann auch noch passgenau zu verbauen ist aufwendig und kostet Zeit und Geld. Passt alles perfekt ineinander, schnurrt die Maschine, anstatt zu rattern. :)
Kunststoff nutzt sich natürlich viel schneller ab als Metall, das ist klar, oder? Und eine Nähmaschine besteht aus vielen sich bewegenden Teilen. Je mehr davon aus Plastik sind, umso ungenauer näht die Maschine mit der Zeit. Das passiert nicht nach ein paar Monaten auf einmal, sondern schleichend, je nach dem wie viel man näht.

Was also tun?
Schwierige Frage. Oft heißt es: ich fange ja gerade erst an, da brauche ich nicht so eine gute/teure Maschine. Kann man so sehen, man kann aber auch sagen: eine erfahrene Hobbyschneiderin holt aus einer schlechten Maschine vielleicht noch etwas raus, aber ein Anfänger verzweifelt und gibt das Hobby auf, bevor er richtig angefangen hat. :)

Ganz oben stelle ich die Behauptung auf: ...und sind total glücklich! Das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Viele sind auch total unzufrieden, viele suchen die Schuld bei sich selbst, viele sind anfangs glücklich und nach kurzer Zeit stellen sich Macken ein und dann sind sie nur noch genervt. :D Viele werden ihre Billigmaschine auch nach einem halben Jahr los und kaufen sich etwas Besseres.

Mein Tipp deswegen: seht euch nach einer gebrauchten Maschine um. Auf die Weise bekommt man sehr viel "mehr Maschine" für´s Geld. Oft verkaufen auch Händler solche Maschinen mit Garantie. Und eine gute Nähmaschine sollte Jahrzehnte halten und ist mit 5 Jahren noch nicht alt, aber vielleicht nur halb so teuer, wie ein aktuelles Modell.

Meine Nähmaschine, eine Janome MC6500 ist vermutlich 10 Jahre alt (ich hatte sie damals gebraucht für 650€ mit einem Jahr Garantie beim Händler gekauft ;-) ), wird ab und zu gewartet und war noch nie kaputt.

Achja noch etwas: Singer und Pfaff sind schon lange keine Deutschen Fabrikate bzw. in Deutschland produzierten Maschinen mehr. Es wird, meines Wissens gar keine Maschine mehr in Deutschland hergestellt.

Singer Nähmaschinen wurden nur bis 1991 in Deutschland hergestellt, Pfaff bis 1999.
Pfaff gehört seit März 2013 dem chinesischen Unternehmen: SGSB Group Co., Ltd.
Singer (und Husquarna) gehören zu SVP Worldwide mit Sitz auf den Bahamas.
Und auch W6 (Wertarbeit Projektierungs- und Handelsgesellschaft mbH) stellt keine Maschinen in Deutschland her, auch wenn viele das denken.  W6 schreibt selbst, dass die Maschinen nach deutschen Qualitätsnormen hergestellt wurden. Wo und welche Normen das sein könnten, bleibt dabei aber offen. 
Und Garantien sind oft nicht übertragbar, das solltet ihr unbedingt nachfragen, wenn ihr eine gebrauchte Maschine kauft. :)

Und noch einen allerletzten Tipp habe ich: wenn ihr gerade anfangt: macht einen Nähkurs oder den Nähmaschinenführerschein. Das erspart einem alle Fehler selbst zu machen oder bei jedem Anfängerproblem erst mal zu verzweifeln.

Dieser Artikel gibt meine persönliche Meinung wieder. Für event. Fehler hafte ich nicht.



Kommentare:

  1. :D Darüber könnte ich glatt auch einen Post schreiben. Ich nähe mit einer alten, optisch etwas lädierten Veritas-eines der letzten Modelle der DDR. Dafür hat sie aber einen verstellbaren Nähfußdruck, stufenlose Regulierung der Stichlänge und -breite und einige Stretchstiche, die völlig reichen. Nur das mit dem Knopfloch...das muss ich komplett per Handsteuerung machen. Auf jeden Fall unterschreibe ich das Ganze-lieber gebraucht und gut als neu und grottenschlecht. Liebe Grüße von Nicole

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  2. das hast du tiptop geschrieben...ich geb dir voll recht, macht einen nähkurs, denn da sieht frau erst worauf es (für sie) ankommt bei einer nähmaschine. ich finde auch...lieber in eine gute occasionmaschine investieren und für mich ist wichtig, meine maschinen bekommen immer wieder einen service beim händler...so habe ich viele viele jahre daran ;))
    liebe grüsse lee-ann

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  3. Ich hab da tatsächlich auch schon mal was in dieser Richtung geschrieben... ich kann das alles unetrschreiben und würde jedem raten, die Maschine auszuprobieren; egal, ob gebraucht oder neu; sie muss zu einem passen. Was jemand anders toll und erstrebenswert findet, muss für mich nicht genauso sein!
    Viele liebe Grüße
    julia

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  4. Oh ja, genau meine Gedanken. Als junges Mädchen hatte ich immer günstige Maschinen, die immer schnell kaputt gingen und nie ein gutes Nähergebnis lieferten. Damals dachte ich , es läge an mir. Als ich später mir eine gute Maschine, meine ist von Bernina, leisten konnte, habe ich sehr glückliche Erfahrungen gemacht, es lag nicht an mir, ich konnte super tolle Teile nähen und habe die Maschine (Virtuosa 153) heute noch. Auch die Overlock ist von Bernina, sie sind beide schwer, sie bestehen aber hauptsachlich aus Metall und waren noch nie kaputt in 15 Jahren. Gewartet wurden sie je 2x bisher. Die Janome hätte ich auch genommen, damals gab es keine Händler in meiner Nähe. Was Singer und Pfaff angeht, hast Du vollkommen Recht, die neuen Eigentümer leben nur vom Ruf der alten Maschinen.
    LG Lesley

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  5. da kann ich dir nur zustimmen!!! Ich erlebe es jedesmal beim Nähkurs, wenn die Frauen mit ihren Maschinen kommen ... es ist zum Haare raufen. Auslassstiche sind bei Jersey immer an der Tagesordnung und dann wird von mir erwartet, dass ich das hinbekommen soll ... oh Mann.
    Als mich meine Freundin zur Eröffnung meines Ladens besuchte, wollte sie gerne mal mit meiner Bernina nähen (ansonsten ist diese Maschine für alle anderen tabu)... sie war sowas von fassungslos, wie gut diese Maschine näht. Das kannte sie von ihren nicht. Jetzt hat sie noch eine gute Gebrauchte gefunden und ist sooo glücklich.
    LG Heike

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  6. Diesen Post kann ich voll und ganz unterschreiben. Lasst euch von niemandem eine Maschine aufreden nur weil sie angeblich am meisten gekauft wird.
    Ich habe nicht auf mein Bauchgefühl gehört, und hab es bitter bereut.
    Jetzt bin ich auf der Suche nach einer neuen, weis aber noch nicht welche es werden soll.

    LG Himbeeris

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  7. Liebe Sabine,
    vielen Dank für deine kompetenten Hinweise, sie haben mich in meiner Kaufentscheidung bestärkt. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, dass ich eine eher teurere Maschine (Overlock) kaufen möchte, mit der ich bereits probegenäht habe.
    YES, jetzt muss es sein, danke für den letzten Anschubs!
    Herzliche Grüße,
    Bettina

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  8. Liebe Sabine, toller Beitrag!! Ich kann dir in allem beipflichten. In meinen Nähkursen habe ich schon so viele günstige Maschinen gesehen und alle haben über kurz oder lang echt Probleme gemacht. Besonders Nähanfänger haben ständig Probleme, da diese Maschinen oft sehr empfindlich auf kleinste Unachtsamkeiten reagieren und kommen dann erst recht schlecht damit zurecht. Lieber etwas mehr Geld investieren oder eine robuste gebrauchte Maschine vom Händler kaufen. Und einen Nähkurs besuchen :D
    LG Andrea

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  9. Du hast mir voll und ganz aus der Seele geschrieben. Ich kann alles nur bestätigen. Der Satz:- zu arm und billig zu kaufen - trifft auch bei der Anschaffung einer Nähmaschine zu. Einmal ein vernünftiges Teil und man hat auf Jahre Freude dran.
    LG Rosi

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